Das Antlitz des Vierten Mai

Vernissage: 17:00, 4. Mai. 2019

Weltethos-Institut, Hintere Grabenstr. 26, 74070 Tübingen

04.05.2019-30.05.2019

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Rede anlässlich der Ausstellung DAS ANTLITZ DES VIERTEN MAI im Weltethos-Institut Tübingen

Hielte ich diese Rede auf Chinesisch, so würde ich sie mit einem Satz wie 五四是中国人一百年解不开的心结 beginnen,auf Deutsch: Der Vierte Mai ist ein Herzensknoten, den die Chinesen nach hundert Jahren noch nicht zu lösen imstande sind. Das Bild des Herzensknotens wird in der chinesischen Tradition verwendet, um ein emotionales Dilemma, eine innere Frustration, eine ausweglose Situation zu bezeichnen. Die Sinologen unter Ihnen kennen sicherlich diese bekannte Zeile vom großen Poeten, Du Fu: 何日见宁岁,解我凝思结. „Wann werde ich Tage des Friedens sehen, die meine Kummer, oder meine Herzensknoten lösen?“ Aus einem inneren Konflikt, aus einer verfahrenen Situation kann man sich durch radikale Maßen befreien. Der Gordische Knoten wurde bekanntlich durchgeschlagen.

Im vergangenen Jahrhundert sah China ein solches „Experiment“. Angesicht der Not, in die das Land geraten war, sahen sich viele der Akteure der Vierten Mai Bewegung gezwungen, sozial riskante Wege einzuschlagen. Zwischen Aufklärung 启蒙und Rettung der Nation 救亡 bot die letztere eine schnelle und effektive Lösung, so schien es vielen Intellektuellen damals. Aus der Warte der Gegenwart sind die Probleme solch radikaler Lösungen immer deutlich: Aus einem Zusammenrücken, 团结 auf Chinesisch, können Aufstauungen, 郁结 entstehen.

Es wäre an der Zeit, sich mit dem Vierten Mai tiefgehend zu befassen, die komplizierten Verknüpfungen genau zu analysieren, sich ein klares Bild zu machen und um behutsame und geschickte Lösungen zu bemühen. Aber dies kann aus bekanntem Grund zurzeit in China noch nicht geschehen. Daher bin ich dem hiesigen China Zentrum und dem Weltethos-Institut und der Universität Tübingen sehr dankbar, dass sie Herrn Prof. Deng, der heute leider nicht anwesend sein kann, und mir die Gelegenheit geboten haben, unsere künstlichen Aufarbeitungen hier zu präsentieren.

Aus Sicht der bildenden Kunst, ist der Vierte Mai weitgehend gesichtslos geblieben. Abgesehen von einigen staatlich sanktionierten Darstellungen, gibt es fast keine künstlerischen Auseinandersetzungen mit diesem epochalen Ereignis. Wie Sie wissen, ist der Zündstoff zu dieser Bewegung eine nationale Kränkung und Erniedrigung: Während der Aushandlung des Friedensvertrags von Versailles auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 wurde die Absicht der Hauptsiegermächte Großbritannien und Frankreich deutlich, die Einundzwanzig Forderungen Japans von 1915 anzuerkennen und die deutschen Niederlassungen in der Provinz Shandong (Kiautschou) an Japan zu übergeben. Für die Studenten und Intellektuellen damals bedeutet dies eine nationale Blamage, ein blamierender Gesichtsverlust Chinas,

In jedem von Herrn Dengs Bildern verbergen sich eigentlich drei Gesichte, ein Foto vom Gesicht eines wichtigen Akteures der Zeit und dessen malerische Interpretation wurde mit einem aus einer Fotodatenbank ausgewählten Gesichter eines jungen Chinesen von heute zusammengefügt und auf Leinwand gebracht.

Meine Installation besteht aus verknoteten Seilen, die zwei Gesichter suggerieren. Ursprünglich habe ich insgesamt zehn Gesichter geplant, die in einer dreidimensionalen Konstellation angebracht werden sollte. Aus räumlichen Gründen habe ich den ursprünglichen Plan fallengelassen und eine modifizierte Lösung gesucht.

Ich hoffe, dass unsere Werke für sich sprechen., Daher möchte meine Rede damit beenden, meine Dankbarkeit auszusprechen: Fran Dan-Wie Zhu-Mittag, die mit ihren ausdrucksvollen kalligraphischen Interpretation unserer Ausstellung bereichert hat. Herr Professor Mittag, vielen Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz, ohne den diese Ausstellung nicht zustande gekommen wäre! Herr Dr. Villhauer, vielen Dank, dass Sie uns die Möglichkeit gegeben haben, im Ihrem Haus, diesem bedeuteten Institut der internationalen Verständigung und Zusammenarbeit, unser Arbeiten zeigen zu dürfen! Ich möchte mich bedanken bei der Studierenden der Universität Tübingen. Vielen Dank für Ihre Hilfe und Unterstützung bei der Vorbereitung dieser Ausstellung 

Lieber, Gäste, vielen Dank für Ihr Kommen!

Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend!