Rede von Prof. Dr. Fröhlich auf der Vernissage am 01.09.18

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ich darf den hier anwesenden Künstlern aus China, und insbesondere unserem Kollegen Ni Shaofeng, die herzlichen Glückwünsche der Hamburger Sinologie zu dieser Ausstellung überbringen.

Der Titel der Ausstellung – „Neue Acht Szenerien einer Stadt – Qingdao“ – ist anspielungsreich. „Acht Ansichten“ sind in der Tradition ostasiatischer Dichtkunst sowie Mal- und Zeichenkunst eine weit verbreitete Bezeichnung. Die Anfänge dieses Genres reichen bis in die Dynastie der Nördlichen Song zurück, zu einem Werk des Universalgelehrten und kaiserlichen Beamten Shen Kuo, das um das Jahr 1088 entstand und acht Ansichten von Xiaoxiang, einer Region in Hunan, zeigt. Danach entstanden über die Jahrhunderte viele Variationen von „Acht Ansichten“ in der Form von Gedichten, Werken der Malerei und Zeichnungen, oft auch in Kombination miteinander. Diesen Werken war gemein, dass sie Ansichten von schönen Szenerien zeigten, in welche eine gebirgige Landschaft oder eine Ortschaft eingelassen sein konnte. Bis ins 20. Jahrhundert finden sich viele Beispiele hierfür, und zwar nicht nur in China, sondern auch in Korea und Japan – etwa die Acht Ansichten aus der alten Provinz Ōmi, die der japanische Farbholzschnittmeister Utagawa Hiroshige im 19. Jahrhundert anfertigte.

Die Werke der aus Shandong stammenden Künstler, denen wir heute hier begegnen, entfernen sich bewusst von der Tradition der Acht Ansichten. Andere Materialien und andere Techniken werden eingesetzt. Etwa die Fotografie, welche die Werke im wortwörtlichen Sinne unterlegt. Auch der Gegenstand der Betrachtung ist ein anderer. Es geht nun nicht mehr um Ansichten, die im herkömmlichen Sinn „schön“ und wohlgefällig sind, sondern um das moderne Qingdao mit all seinen Facetten. Wer übrigens, wie es der Titel dieser Ausstellung macht, von der „Stadt“ Qingdao spricht, nimmt einen überschaubaren Zeitraum in den Blick. Die städtische Entwicklung von Qingdao setzte vor ziemlich genau 120 Jahren ein. Noch zu Beginn der 1890er Jahre war Qingdao ein Fischerdorf gewesen, in der Nachbarschaft militärische Anlagen zur Verteidigung der Küste. Ende der 1890er Jahre war Qingdao als Teil der Region Jiaozhou unter dem Druck deutscher Kanonenboot-Politik Pachtgebiet des Deutschen Kaiserreichs geworden. Für die Stadtentwicklung war dies eine bedeutsame Phase und sie hat sichtbare Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen.

Dies sind in gewisser Weise die Anfänge der Verstädterung von Qingdao. Allerdings würde man den gewaltigen Veränderungen, die sich gegenwärtig in Qingdao und vielen anderen Gebieten Chinas zutragen, nicht gerecht, würde man sie als historisch bekanntes Phänomen behandeln. Allein die Ausmaße der heuten Urbanisierung in China mahnen zur Vorsicht, wenn es um den Versuch geht, diese Vorgänge einzuordnen. Nach Angaben des Staatlichen Amtes für Statistik lebten 2017 rund 58% der chinesischen Bevölkerung in Städten. Zehn Jahre davor waren es noch 45% gewesen. Nach Schätzungen werden es bis 2030 rund 70% sein. In absoluten Zahlen ausgedrückt: heute leben 810 Millionen Menschen in China in Städten, 580 Millionen in ländlichen Regionen. 2007 hatte der größere Anteil der Bevölkerung noch in ländlichen Regionen gelebt, nämlich rund 710 Millionen gegenüber rund 610 Millionen in urbanen Gebieten. Wer einmal in China gereist ist, weiß allerdings, dass mit der Bezeichnung „ländliches Gebiet“ oder „Dorf“ oftmals keine bäuerliche Idylle verbunden ist, sondern für unser Empfinden fast schon urbane Verhältnisse – und diese sind oft alles andere denn pittoresk. Die Agglomeration Qingdao ist von dieser Entwicklung ebenfalls erfasst worden. 2017 lebten rund 5,3 Mio Einwohner in Qingdao, in etwa 20 Jahren sollen es in der gesamten Agglomeration rund 7 Mio sein.

Städtebaulich werden in Qingdao große Anstrengungen unternommen, um einer unkontrollierten Entwicklung hin zu einem Moloch, wie sie andernorts in China zu beobachten ist, Herr zu werden. Beispielsweise durch die Bestandswahrung an historischen Bauten. Die sozialen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen, die dieser Prozess mit sich bringt, sind in ihren Folgen aber schier unüberschaubar. Und auch politisch werden sich möglicherweise weitreichende Folgen ergeben. Die Prognosen der Statistiker mögen akkurat sein, aber was die enorme Urbanisierung für die chinesische Gesellschaft insgesamt bedeutet, wird sich erst noch weisen müssen.

Die Kunstwerke, die in dieser Ausstellung versammelt sind, befassen sich mit diesen Umwälzungen, aber sie tun dies, wie mir scheint ganz bewusst, ohne eine Deutung in den Raum zu stellen. Sie nötigen uns Betrachtern keine Interpretation oder gar Wertung auf. Vom Zwang zur Eindeutigkeit, wie ihn auch in China der sozialistische Realismus lange Zeit ausübte, und in der Staatskunst weiterhin pflegt, ist hier nichts mehr zu spüren. Damit entfällt auch die Pflicht des Kunstwerks, eine Wahrheit auszudrücken. Vielmehr stellen die Werke auf ihre je eigene Weise das Prozesshafte ihrer eigenen Entstehung in den Vordergrund. Mauern werden eingerissen, Verhältnisse auf den Kopf gestellt, eine Illusion von Transparenz wird enthüllt. Fragmente von realen Gegenständen werden hergestellt und neu arrangiert. Fotografien stehen am Ursprung des gesamten Projekts und auch der einzelnen Werke. Aber sie sind gleichsam in den Werken verschwunden. Wir werden hier als Betrachterinnen und Betrachter ausdrücklich zur Teilnahme an einem work in progress eingeladen. Die Ausdeutungen ergeben sich womöglich erst im Nachvollziehen der Werke. Das aber möchte ich Ihnen überlassen und mit einem Aphorismus von Theodor Adorno schließen: „Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“